"Resonanzen des Mittelalters" auf Burg Fürsteneck zum "Fasanenbankett"

Direkt im Anschluß an die letzte Sitzung der "Hohen Musik der Frühen Stände" fanden dieses Jahr die "Resonanzen des Mittelalters" auf Burg Fürsteneck vom 4.-6.11.2011 statt. Die "Resonanzen" sein ein jährlich stattfindendes Kurswochenende zur Musik des Mittelalters unter der Leitung von mir (Marc Lewon) und Uri Smilansky, mit dem zusammen ich auch die zweijährige Kursreihe der "Hohen Stände" leite. Die "Resonanzen" sind jeweils einem bestimmten Ereignis, einem bestimmten Hof oder eine speziellen Quelle des Mittelalters gewidmet und sollen die zugehörige Musik behandeln.
Dieses Jahr war das Thema das "Fasanenbankett" am burgundischen Hof in Lille im Jahre 1454.
Dieses Festbankett war der Höhepunkt einer Reihe von immer aufwendiger werdenden Feiern, zu denen sich "befreundete" Fürstenhöfe gegenseitig in den vorangegangenen Jahren eingeladen hatten, um letztlich auch gegeneinander aufzuprunken. Das "Banquet du Voeu du faisan" nun nahm die Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 zum Anlaß, um einen neuen Kreuzzug unter burgundischer Führung ins Leben zu rufen. Natürlich spielten allerlei politische Gründe hier eine Rolle - letztendlich ging es um den Führungsanspruch des burgundischen Hofes und um Präsentation und Machtentfaltung. Durch zwei Chronisten sind wir über die Ereignisse anläßlich des Banketts recht gut informiert, zu dem auch jede Menge musikalischer Beiträge von einer Vielzahl an Musikern, Sängern wie Instrumentalisten, gehörte.
Aus familiären Gründen und weil bei den Anmeldungen zunächst die Untergrenze des Kurses nicht ganz erreicht wurde (was sich in den letzten zwei Wochen vor dem Kurs dann, für die Planung leider zu spät, noch geändert hatte - insgesamt hatten wir letztendlich 12 Teilnehmer - darunter einige bekannte Gesicher aus den "Hohen Ständen" - und 2 Leiter), wurde der Kurs von mir (ML) alleine gehalten, wobei eine Teilnehmerin der "Hohen Stände" (Elisbeth Neyses) dankenswerterweise hospitierte und die Ausführung des Kurses unterstützte.
Der Kurs begann am Freitag Abend zunächst mit einer kurzen Vorstellungsrunde, der Verteilung eines Korpus an Repertoire (wie immer mit genauen Quellenangaben, Liedtext, Übersetzung, Edition und Faksimile zu jedem der 10-15 Stücke). Es war klar, daß nicht alle Stücke gemacht werden würden, aber auch diese Weise gab es einige Auswahl, sowie gut aufbereitetes Material zur persönlichen Nachbereitung.
Der Schwerpunkt lag dabei auf Kompositionen aus dem Umfeld der burgundischen Chanson (Dufay, Binchois, Frye, Morton), der geistlichen Musik am burgundischen Hof (liturgische Ein- und Mehrstimmigkeit, Motetten) und Instrumentalmusik der Zeit (Tänze von Domenico da Piacenza, sowie Tabulaturen aus dem Lochamer Liederbuch und dem Buxheimer Orgelbuch). Dabei wurde darauf geachtet, daß die Stücke, von denen bekannt ist, daß sie auf dem Bankett mit Sicherheit, bzw. evtl. gespielt wurden, auf jeden Fall erarbeitet werden.
Nach diesem Einstieg begannen wir, im tutti zwei Stücke vorzubereiten, die letztendlich auch im Plenum musiziert werden sollten (ein vierstimmiges "Sanctus" von Binchois, sowie ein [gregorianischer] Choral aus einem burgundischen Chorbuch der Epoche). Der Choral wurde dabei direkt von Originalnotation abgesungen und gelernt, auch um die Ästhetik der Notation schätzen zu lernen und die Scheu vor historischer Notation abzubauen, die ja gerade beim Choral sehr leicht erlernbar ist.
Anschließend gab es eine kurze Einführung zum Thema mittels einer Powerpoint-Präsentation mit zahlreichen illustrierenden Abbildungen (burgundischer Hof im 15. Jh., politische Situation, Eroberung Konstantinopels, der Orden vom Goldenen Vlies, das Fasanenbankett), sowie der Verlesung beider Festbeschreibungen, so daß die Teilnehmer "im Thema" ankommen konnten.
Darauf hin wurden die Ensembles bestimmt, die in den kommenden Tagen an bestimmten Stücken arbeiten sollten und Unterrichtseinheiten organisiert.
Der zweite Kurstag begann mit Tutti-Arbeit an den "Plenum"-Stücken. Danach teilte man sich in 2 Ensembleklassen auf und die einzelnen Ensembles arbeiteten teils für sich, teils mit Dozent (Lewon und Neyses) in separaten Räumen an ihren Stücken. Am Nachmittag wurde diese Arbeit nochmal in "Instrumentalisten" und "Sänger" aufs Neue zweigeteilt, wobei die Instrumentalisten sich an den Domenico-Tanzmelodien direkt aus dem Original versuchten und die Sänger an einzelnen Sätzen aus Dufays Messe "Se la face ay pale" experimentierten. Am Nachmittag ging die Ensemblearbeit weiter, wobei in unterschiedlichen Konstellationen bis in die Nacht geprobt wurde. Gegen Ende wurde das Programm für den nächsten Tag festgelegt und eine Auswahl aus dem erprobten Repertoire so festgelegt, daß das "interne Konzert" zu Ende des Kurses einen Ablauf haben konnte, der sich am Bankettablauf orientierte.
Am Sonntag, dem dritten Kurstag, wurde nach dem Tutti-Einstieg am Morgen, wieder in 2 Ensembleklassen vorgeprobt. Danach traf man sich im Hauptraum des Kurses (dem neuen "Neun-Säulen-Saal" im Haupthaus der Burg Fürsteneck - ein toller Arbeitsraum/saal), um schließlich das Fasanenbankett musikalisch "nachzustellen". Natürlich konnten wir in unseren Besetzungen nicht den wirklichen Ablauf nachstellen, wir haben aber die Form so gut als möglich übernommen und uns den Rest dazu vorgestellt. Das Ganze lief so ab, daß die Bankettbeschreibung verlesen wurde und immer an der Stelle, da eine musikalische Darbietung beschrieben wurde, trat ein Äquivalent aus unserem Kurs nach vorne und führte das jeweils geplante Stück aus.
Die 24 Musiker in der "Pastete" und die Sänger und die Orgel in der "Kirche" (den beiden Tischdekorationen), sowie die Aktionen auf dem Saalboden wurden dabei von den Teilnehmern flexibel springend "erfüllt". Wir hörten burgundische Chansons, Instrumentalmusik, sangen Binchois' "Sanctus", den Choral, etc. und spührten dabei dem Bankettsverlauf in seiner Form mit Vergnügen nach.
Am Mittag des 3. Tages endeten die diesjährigen "Resonanzen". Die "Resonanzen des Mittelalters 2012) werden wieder im Herbst stattfinden und sollen dann dem Thema "Das Mainzer Hoffest von Kaiser Barbarossa 1184" gewidmet sein, ein Fest, bei dem sich Trouvères, Trobadors und Minnesänger trafen und austauschten. Das Repertoire wird sich also um weltliche Einstimmigkeit des 12. Jahrhunderts und solche klangvollen Namen wie Guiot de Provins, Conon de Bethune, Richard Löwenherz, Kaiser Heinrich VI., Friedrich von Hausen, Albrecht von Johansdorf - und besonders wichtig - Heinrich von Veldeke drehen. Wir arbeiten an den Melodien der Trouvères und Trobadors, versuchen Kontrafakturen von Minnesängern auf die Spur zu kommen und so daran zu arbeiten, daß die dann auch funktionieren (denn daß Kontrafakturen 1:1 nicht funktionieren ist ja kein Geheimnis mehr - wie aber können sie funktionieren...). All dem wollen wir praktisch auf den Grund gehen.