2. Meisterkurs "Heinrich von Veldeke" mit Bagby und Lewon

Vom 27.-29. Januar 2012 fand der 2. Meisterkurs "Heinrich von Veldeke" mit Benjamin Bagby und Marc Lewon auf Alden Biesen bei Maastricht/Lüttich (Belgien) statt. Der von www.musica.be veranstaltete Kurs widmet sich dem Minnesänger und Ependichter Heinrich von Veldeke (oder auf flämisch Hendric van Veldeke), wobei insbesondere sein lyrisches Werk, also der Minnesang Veldekes, im Vordergrund steht.
Nachdem wir im 1. Meisterkurs (Dezember 2011) die Grundsteine gelegt hatten (Werkeinführung, Kennenlernen einzelner Gedichte, Experimente mit Kontrafakturen, Versuche über stilgerechte Improvisation nach Modellen, Aussprache, Arbeit an den Texten), wurde in diesem 2. Meisterkurs vor allem an den Eigenkreationen der Teilnehmer weitergearbeitet. Diese basierten auf einer Trias von Modellen, die wir zuvor eingeführt hatten: Da das Oeuvre Heinrichs einer Melodieüberlieferung leider entbehrt, wagten wir uns an stilgerechte Vertonungen von drei Seiten heran. 1. Der z.T. überstrapazierte Ansatz, über französische Kontrafakturen, Melodien zu erlangen (ein Ansatz, der, wenn sorgfältig verfolgt, gute Ergebnisse erzielen kann, zumeist aber über eine falsch verstandene Quellentreue ein verzerrtes Bild einstimmiger Musik im deutschsprachigen Raum zeichnet), 2. der Ansatz, über die Frühüberlieferung von Minnesang (namentlich das Frankfurter Neidhart-Fragment von um 1300) ein melodisches Vokabular zu erarbeiten, über das typisch (nord-)deutsche Melodien des 13. Jhs. neu erfunden werden können, und 3. der Ansatz, über Floskelmaterial aus einer Anthologie von Liedern der Jenaer Liederhandschrift Bausteine zu erhalten, über die neue, passende Vortragsformen von Veldeke-Texte gewonnen werden können, die eben aus dem germanisch-sprachigem Raum stammen und somit Veldekes Oeuvre möglicherweise näher stehen, als direkte Übernahmen aus dem französischen Sprachgebiet (siehe dazu auch die Artikel: Marc Lewon: "Der gesungene Gedichtsvortrag: Eine musikalische Hypothese über die Lieder Walthers von Klingen", in: Walther von Klingen und das Kloster Klingental zu Wehr, hrsg. von der Stadt Wehr, Ostfildern/Deutschland (Thorbecke Verlag) 2010, S. 131-145, sowie: Marc Lewon: "Wie klang Minnesang? Eine Skizze zum Klangbild an den Höfen der staufischen Epoche", in: Dichtung und Musik der Stauferzeit. Wissenschaftliches Symposium der Stadt Worms vom 12. bis 14. November 2010, hrsg. von Volker Gallé, (= Schriftenreihe der Nibelungenlied-Gesellschaft Worms, Bd. 7), Worms 2011, S. 69-123).
Die Kontrafakturarbeit wurde diesmal etwas zurückgestellt, wird aber für den 3. und letzten Meisterkurs im Februar wieder stärker in den Vordergrund rücken. Dafür wurden der 2. und 3. Ansatz intensivst behandelt, der ja von den Teilnehmern viel Kreativität im Bereich von Auswendiglernen, Improvisieren, Entwicklung eines Stilempfindens und neu Erfinden erforderte. Die Teilnehmer lösten diese Aufgaben mit Bravour und "komponierten" auf diese Weise unzählige stilgerechte Vertonungen von Veldeke-Liedern, basierend auf den genannten Modellen, die - obwohl stilistisch streng gehalten - eine unglaubliche Bandbreite aufwiesen. In Einzel- und Ensemblestunden wurden diese eigenen Werke verbessert, adaptiert und einstudiert, so daß ein beträchtlicher Teil von Veldekes lyrischem Werk jetzt im kollektiven Gedächtnis der Teilnehmer vertont vorliegt. Eine große Leistung für den Kurs und für das Verständnis von Minnesang im Bereich der historischen Aufführungspraxis.
Im Verlauf des Kurswochenendes auf dem wunderbaren Schloß zu Alden Biesen wurde noch ein 4. Ansatz von Seiten eines Teilnehmers (Danil Ryabchikov) vorgeschlagen. Die Idee: Die Melodien von Trouvères zu analysieren, die auf der französischen Seite der Sprachgrenze zwischen Frankreich und Flandern und damit sehr nahe dem Herkunftsgebiet von Heinrich von Veldeke lebten, um dort nach "germanischen" Auffälligkeiten in der Melodiebildung zu suchen. Diese Melodien könnten demnach auch Hinweise auf eine typische Melodiebildung in Veldekes Heimat enthalten. Diesem Ansatz ging Danil nach und er extrahierte ein Formelmaterial, das er für auffällig "unfranzösisch" hielt, um daraus neue Melodien für Veldeke-Lieder zu schaffen. Es entstand im Verlaufe des Wochenendes eine sehr überzeugende Vertonung eines Minnelieds auf diese Weise.
Neben solistischer und Ensemblearbeit in kleinen Besetzungen gab es auch eine Einheit zu instrumentaler Idiomatik und Begleitung. Es wurde an typischen Floskeln für bestimmte tonartliche Modi gearbeitet (naja, dorisch:), um Phrasenmaterial einzustudieren, das für überzeugende Begleitungen unumgänglich ist. Auch das "Singen durch das Instrument" stand dabei im Vordergrund.
Wir freuen uns auf den 3. und letzten Meisterkurs Ende Februar, bei dem es neben einem Abschluß zu den Liedern Veldekes auch einen Abstecher in sein episches Werk (v.a. die "Eneide") gehen soll.