3. Meisterkurs "Heinrich von Veldeke" mit Bagby und Lewon

Vom 17.-19. Februar 2012 fand der 3. und letzte Meisterkurs "Heinrich von Veldeke" mit Benjamin Bagby und Marc Lewon auf Alden Biesen bei Maastricht/Lüttich (Belgien) statt. Der von www.musica.be veranstaltete Kurs widmete sich dem Minnesänger und Ependichter Heinrich von Veldeke (oder auf flämisch Hendric van Veldeke), wobei insbesondere sein lyrisches Werk, also der Minnesang Veldekes, im Vordergrund stand.
Der 1. Meisterkurs im Dezember diente der Einführung und ersten Experimenten, um über Kontrafakturen und Floskeln, die aus anderen Modellen entnommen wurden, stiltypische Melodien zur Vertonung der Liedtexte Veldekes zu finden, bzw. zu er-finden. Im 2. Meisterkurs wurde diese Arbeit intensiviert, auf größere Liedgattungen Veldekes erweitert und um eine neue Hypothese erweitert (die Annahme, daß flämische Trouvères mit ihren charakterischen Melodien dem Werk Veldekes nahestehen könnten - so daß wir auch Floskelmaterial aus solchen Melodien zur Improvisation entnahmen). In diesem, dem 3. Meisterkurs brachten wir die improvisative Arbeit zu einem vorläufigen Abschluß, rundeten die Arbeit an Stücken, die noch "Work in Progress" waren, ab und stellten das Repertoire der neuen Veldeke-Vertonungen, die sich im Verlaufe der Kursarbeit angesammelt hatten, in einer Liste zusammen. Der Kurs brachte 31 verschiedene Vertonungen von Veldeke-Texten hervor - viele der Texte erfuhren unterschiedliche Behandlungen und liegen jetzt in mehreren Versionen vor.
Neben der intensiven interpretatorischen Arbeit an Stücken, die in den Sitzungen zuvor sowie in Heimarbeit erstellt wurden, wurde v.a. das Konzept der Kontrafaktur noch einmal neu beleuchtet. Mit Hilfe der bisherigen Erfahrungen, die über modale Improvisation die Sinne der Teilnehmer geschärft hatten, wurde auch die Bearbeitung und Anpassung von Kontrafakturvorlagen an die Texte Veldekes fachkundiger, so daß gute und sangbare Kontrafakturen entstanden, die dem Repertoire als fertige Versionen zugeführt werden konnten.
Am Abend des ersten Tages wurde nach einem erfüllten Nachmittag voller Einzel- und Ensemblestunden noch ein neues Oeuvre angeschnitten: Das Epos der "Eneide" Heinrichs von Veldeke. Benjamin Bagby, der dabei auf sein umfangreiches Wissen und seine praktische Erfahrung im Umgang mit epischer Rezitation und epischem Gesangsvortrag zurückgreifen konnte, führte zunächst in einer einstündigen Session Ausschnitte von sehr verschiedenen Epen vor, die er jeweils auf andere Art behandelte und dadurch eine Vortragsbandbreite präsentierte. Darunter befanden sich zunächst Ausschnitte aus dem Beowulf und dem althochdeutschen Hildebrandslied. Für diese stabreimenden, germanischen Epen verwendete Bagby die frühmittelalterliche Harfe (heute auch unter dem Terminus "Leier" bekannt) als Begleitinstrument, um "modale Felder" zu erzeugen, die wiederum sein musikalisches Floskelmaterial generierten, dessen er sich beim Vortrag bediente. Es folgte ein Ausschnitt aus der altfranzösischen "Chanson de Roland" für die Bagby sich von einer Studentin mit der Vielle rhythmisch begleiten ließ. Dieses Heldenepos, oder die "Chanson de geste", kam somit äußerst klangvoll und wirkungsmächtig zur Geltung. Bagby beendete seine Präsentation mit Schlüsselszenen aus dem "Perceval" des Chrétien de Troyes und dem "Parzival" Wolframs von Eschenbach. Letzteren trug er mehr sprechend als singend vor, um auch diese Dimension des Vortrags vorzustellen.
Mit den genannten Beispielmodellen zur Hand wurden 7 Szenen, die im Vorfeld aus der "Eneide" Veldekes ausgewählt worden waren, unter den Teilnehmern vergeben, mit denen sie sich in den folgenden Tagen als Zusatzaufgabe beschäftigen sollten. Da die Passagen in diesem Fall nicht aus einer standardisieren Übertragung gewählt wurden, sondern aus einer Edition, die sich sehr eng an den Wortlaut und die Schreibung der frühesten "Eneas"-Handschrift (der Berliner Handschrift) hält, wurden noch die Eigenheiten dieser Handschrift besprochen und Details der Aussprache geklärt. Damit vollzogen wir nicht nur der Schritt in das epische Werk Veldekes, sondern auch der Schritt weg von standardisierten (und damit vorinterpretierenden) Editionen, hin zum Wortlaut einer existierenden Handschrift.
Am folgenden Tag wurde durchgehend in kleinen Gruppen praktisch an der Interpretation der Veldeke-Lieder - mit einem Schwerpunkt auf den Kontrafakturen - und der Eneas-Ausschnitte gearbeitet. Für den Abend dieses zweiten Tages war als Gastdozent Frank Willaert von der Universität Antwerpen eingeladen. In einem äußerst engagierten Vortrag, stellte er seine Thesen zum Charakter, Kontext und zur Intention von Veldekes lyrischem Werk vor, die für alle Teilnehmer neue Horizonte eröffneten.
Grundlage seiner Thesen war der politische und kulturelle Raum Lothringens im 12. Jahrhundert. Lothringen, das zu dieser Zeit zwar schon einen Teil seiner ursprünglichen Größe als Lothars Mittelreich eingebüßt hatte, bestand immerhin noch als ein zusammenhängendes Gebilde, das sich aus den heutigen Gebieten der Niederlande, Belgien, Luxemburgs, sowie Teilen Frankreichs und Deutschlands zusammensetzte. Die modernen Staatsgrenzen waren damals noch in keiner Form vorhanden oder absehbar. Die Sprachgrenze zwischen germanischen Dialekten im Osten und Norden und dem romanischen Sprachraum im Westen verlief quer durch dieses Reich, in dessen geographischem Mittelpunkt sich die äußerst bedeutende Stadt Aachen - der Krönungsort der römischen Kaiser seit Karl dem Großen - befand. Eine von Willaert ausgeteilte Karte verdeutlichte diese politisch-kulturelle Situation.
Ein Teil seiner These betrachtete sodann das musikalische und lyrische Schaffen in diesem lothringischen Reichsgebiet, um herauszufinden, was typisch für diese bedeutende Landschaft war. Seine Recherchen brachten ihn auf eine Gattung von Chansons, die offenbar weithin sehr beliebt war und sich zugleich vom Minnesang der Trobadors und Trouvères offensichtlich deutlich unterschied. Diese Lieder bestanden aus sehr kurzen, schlicht gehaltenen Strophen, häufig mit Refrainzeilen, die wohl auch im Rahmen höfischer Unterhaltungen improvisiert und oft als Kreistanz aufgeführt wurden. Außerdem wurden sie augenscheinlich nur sehr selten aufgeschrieben und gehörten zu einer genuin schriftlosen Praxis. Es ist ferner auffällig, daß die Lieder der Trouvères in Lothringen zwar bekannt waren und geschätzt wurden, allerdings sich dort kaum in Sammlungen niedergeschrieben finden, bzw. Lothringen - auch im frz. Teil - keine wirklich eigenen Trouvèreslieder hervorbrachte. In einem der wenigen Chansonniers aus Lothringen - dem Chansonnier St.-Germain-des-Prés, das auch musikalische Notation enthält -, wurden zahlreiche Minnelieder (oder "grand chants courtois") auf einen Kern von nur 3 Strophen heruntergekürzt. Ganz offensichtlich schätzte man in Lothringen keine langen Lieder.
Vor dieser Hintergrundfolie erkären sich viele Details in Veldekes Oeuvre: Seine Lieder sind fast alle sehr kurz. Sehr viele davon sogar nur einstrophig. Es gibt praktisch keine Lieder mit über drei Strophen. Refrainzeilen - bei den Minnesängern recht außergewöhnlich - kommen bei Veldeke wenigstens gelegentlich vor. Der "leichte" Charakter von Veldekes Liedern erhält somit eine ganz andere Note: Wo Veldekes lyrisches Werk von der "ernsthaften Germanistik" bislang eher als noch unreife Vorstufe zum "richtigen Minnesang" nicht ganz ernst genommen wurde, muß man jetzt annehmen, daß es die lothringischen Eigenarten sind, die sich seinem Werk aufprägen: Man schätzte kurze Formen, zügige Pointen, ohrenfällige Melodien und offenbar einen leichten, humorvollen Stil. Somit erklären sich auch die vielen kleinen Wendungen und Spitzen in seinen Liedtexten in einem kulturellen Umfeld, das den klassischen Sang zwar schätzt, aber wohl nicht ganz ernst nimmt. Daß sich in Veldekes Liedern - meist in den Schlußzeilen von Strophen - häufig ironische und humoristische Wendungen verbergen, ist ja bekannt. Wie systematisch aber Veldeke den klassischen Minnesang hier auf die Schippe nimmt, spürt man erst, wenn man die Scheuklappe der allzuernsten Brille abnimmt. Durch Willaerts Vortrag entdeckten wir nun in den Liedern an vielen Stellen deutliche Anspielungen, Witze, Ironie und Spitzen. Diese Erkenntnis spiegelte sich dann umgehend in der Interpretation der Werke durch die Teilnehmer wider.
Der zweite Teil von Willaerts Vortrag brachte Veldeke aus Lothringen in den reichsunmittelbaren Zusammenhang: Durch seine Nähe zum Hof des Kaisers verkehrte er in den höchsten politischen Kreisen seiner Zeit und lernte natürlich auch andere, klassischere Minnesänger und Trouvères kennen, mit denen er sicher auch in einer Art künstlerischen Wettstreit stand. So finden sich Anspielungen auf berühmte Minnesänger in seinen Liedern, darunter Kaiser Heinrich VI., Hartmann von Aue und Friedrich von Hausen.
Ferner zeigte Willaert auf, wie bei Veldeke die Minne als durchweg positiv empfunden wird und gar nicht so von Leid durchdrungen ist, wie das für den klassischen Minnesang nur allzu typisch ist. Seine Lieder strahlen eine stets positive Grundhaltung aus und verlachen die griesgrämigen Kostverächter. Den Natureingang schätzte er so sehr, daß manche Lieder gar nur aus Natureingang bestehen, und sonst nichts. Heinrich von Veldeke steht somit nicht am tastenden Beginn des deutschen Minnesangs, sondern mitten in einer Kultur, die die Konventionen des klassischen Sangs völlig verinnerlicht hat und darauf bereits wieder ironisch reagiert. Veldeke also nicht als zaghafter, noch unerfahrener Vorreiter und "Tester", sondern schon als erster "Gegensänger"? Ein "harmloserer Neidhart" des 12. Jhs.?
Mit diesen Impressionen im Kopf versuchten wir den neu entdeckten Tonfall Veldekes am letzten, dem 3. Tag des Meisterkurses praktisch umzusetzen - was den Teilnehmern äußerst gut und zudem auf subtile Weise gelang. Als Abschluß des Kurses versammelten sich alle Teilnehmer, sowie die Ausrichter der Kursreihe (Hermann Baeten und Bart de Vos) im Aufführungsraum, um einer Auswahl der erstellten und einstudierten Vertonungen beizuwohnen. Es wurden insgesamt 21 Veldekelieder - darunter 2 Instrumentalstücke, die aus Floskelmaterialien der Veldekevertonungen komponiert wurden - aufgeführt, teils a capella, teils instrumental begleitet. Die Versionen und Interpretationen überzeugten durchweg und beeindruckten zum Teil sogar zutiefst... und es war sogar ein Ausschnitt aus Veldekes "Eneas"-Roman dabei, der spontan über Rezitationsmodelle improvisiert wurde.
Die Teilnehmer verließen am Sonntagabend eine gelungene Kursreihe, die zu aller Zufriedenheit abgelaufen war und neue Wege für die Aufführung und Interpretation von melodielos überlieferter Dichtung des 12. und 13. Jahrhunderts aufwies. Benjamin Bagby und Marc Lewon bedanken sich bei musica.be für die freundliche Einladung und bei den Teilnehmern für Ihre Hingabe und große Leistungsbereitschaft.
Die Teilnehmenden des Kurses waren:
Lisa Dunk - Gesang
Karen Ehlig - Vielle
Angélique Greuter - Gesang
Anna Miklashevich - Gesang
Christine Mothes - Gesang
Elisabeth Neyses - Gesang
Danil Ryabchikov - Citole, Quinterne
Cora Schmeiser - Gesang
Marie Verstraete - Vielle
Regina Schmidt - Gesang